Hallo Alexandra und Tim, um was geht es in Eurem Buch „Doch noch ein neuer Tag“

Tim: im November 2025 hat Alexandra versucht, sich das Leben zu nehmen. Dieses Buch erzählt von dem Wunder ihrer Rückkehr ins Leben. Es ist ein Aufruf, nicht aufzugeben. Ein Psychogramm und eine Spurensuche: Wie findet ein Mensch zurück aus dem Dunkel ins Licht? Alexandras Überleben wird ermutigen.

Wie habt Ihr Euch denn kennengelernt?

Tim: Alexandra hatte ein Buch von mir gelesen und mich angeschrieben. Das erste Treffen war dann in ihrer psychotherapeutischen Klinik, in der sie damals lebte. Mit jeder neuen Begegnung durfte ich eine junge Frau erleben, die sich berührend tief in ihre Seele schauen lässt. 

Tim, hattest Du Respekt vor dem Thema „Suizid“? Dem als Autor nicht gerecht zu werden?

Tim: Nicht nur Respekt, sondern Ehrfurcht. Um diesem Thema und Alexandra gerecht zu werden, versuchte ich, eine Zeit lang in ihren Schuhen zu gehen. Zwei Jahre durfte ich sie begleiten. Um ihre Persönlichkeit zu porträtieren und ihre Lebensreise aufzuschreiben, brauchte es Zeit und Behutsamkeit.

Alexandra, wie geht es Dir heute – körperlich und seelisch?

Alexandra: Heute geht es mir körperlich und seelisch gut. Gleichzeitig haben mich die letzten fast drei Jahre stark geprägt und verändert. Ich bin bewusster, ruhiger und widerstandsfähiger geworden – und nehme heute vieles mit mehr Klarheit, Gelassenheit und Dankbarkeit wahr.

Deine Zwillingsschwester war während Deiner Genesung immer bei Dir. Welche Bedeutung hat Dein Beinahe-Tod im November 2023 für Euch beide?

Alexandra: Mein Beinahe-Tod hat etwas in uns erschüttert – und gleichzeitig etwas Unzerbrechliches geschaffen. Wir wussten immer, dass wir eng sind – aber in dieser Zeit wurde spürbar, wie existenziell diese Nähe ist. Für meine Schwester war es die Angst, mich zu verlieren. Für mich war es das Gefühl, nicht allein zu sein, selbst in einem Moment, in dem alles stillzustehen schien. Dieses Erlebnis hat uns beide verändert: Es hat uns verletzlicher gemacht, aber auch stärker, dankbarer, bewusster. Heute ist jede Umarmung, jedes Lachen, jede gemeinsame Minute ein Geschenk – und wir wissen, dass wir uns niemals verlieren werden.

Auch Deine Eltern kommen im Buch zu Wort. Welche Rolle haben sie für Deinen Weg zurück ins Leben gespielt? 

Alexandra: Meine Eltern waren immer an meiner Seite. Ihre Unterstützung und ihr unbändiges Vertrauen in mich haben mir Halt gegeben und mir geholfen, Schritt für Schritt zurück ins Leben zu gehen.

Was hat Dir in der schwersten Zeit am meisten Kraft gegeben?

Alexandra: Die Nähe meiner Schwester, die Unterstützung meiner Eltern, aber auch kleine Momente des Lichts – ein Lächeln, ein Händedruck, das Gefühl, dass es morgen weitergehen kann.

Gab es einen Moment, in dem Du gemerkt hast: „Ich will leben“?

Alexandra: Ja, diesen Moment werde ich nie vergessen. Es war, als mein Vater – während ich im Koma lag – sagte: „Ich wünsche mir nur, dass meine Tochter ein glückliches Leben führen kann“. Ich spürte, dass mein Vater niemals von meiner Seite weichen wird. Da wurde mir klar: Ich will leben – für mich, für ihn, für all die Menschen, die an mich glauben.

Du bezeichnest Dich als „Überlebende“. Was bedeutet das für Dich persönlich?

Alexandra: Ich bin durch etwas gegangen bin, das mich an meine Grenzen gebracht hat – körperlich, seelisch, existenziell. Überlebend zu sein bedeutet, das Leben heute bewusster zu leben, mit mehr Demut, Dankbarkeit und Klarheit. Ich weiß, wie nah Ende und Anfang beieinander liegen, und genau deshalb lebe ich heute mutig, klar und ohne Selbstverständlichkeit.

Wenn Du Deinem früheren Ich etwas sagen könntest – was wäre das?

Alexandra: Das Leben wartet noch auf dich – mit Tiefe, mit Liebe und mit einem Morgen, das du dir heute noch nicht vorstellen kannst.

Warum lohnt es sich, weiterzuleben – auch wenn man es im Moment vielleicht nicht spürt?

Alexandra: Weil das Gefühl von Hoffnungslosigkeit nicht die Wahrheit ist, sondern ein Zustand. Er kann vergehen – auch wenn man es im Moment nicht glauben kann. Es lohnt sich weiterzuleben, weil sich Perspektiven verändern, weil Begegnungen, Liebe und Sinn oft erst nach den dunkelsten Phasen sichtbar werden. Das Leben hat mehr Kapitel, als man in einem schweren Moment sehen kann – und manche davon können überraschend hell sein.

Hast Du vielleicht auch einen Rat für Angehörige oder Freunde, die sich aktuell um eine Person sorgen? 

Alexandra: Einfach da sein und zuhören – das hilft manchmal mehr, als man denkt. Das gemeinsame Aushalten – auch wenn es für Angehörige unfassbar schwer und belastend sein kann – gibt einem das Gefühl „Ich sehe dich“.

Tim, zum Abschluss noch eine Frage an Dich: Hat die gemeinsame Arbeit mit Alexandra auch für Dich selbst etwas verändert?

Tim: Manchmal habe ich in diesen zwei Jahren um sie gebangt und immer hat sie mich im Innersten angerührt. Mich seelisch bewegt und bereichert. Alexandra ließ mich sehr viel von ihrem Leid und ihrem Kampf nachempfinden. Aber mehr noch von ihrem Glück, überlebt zu haben. Und das möchten wir nun von Herzen weitergeben an die Leserinnen und Leser.