Sehr geehrter Herr Wehrle, was unterscheidet Ihr Buch „Wer wärst du ohne deine Sorgen?“ von anderen Selbsthilfebüchern?

Hier schreibt kein Guru, sondern ein ehemaliger Weltmeister im Sorgenmachen. Die Leser können verfolgen, wie ich selbst im Jammertal festsaß – zum Beispiel habe ich meinen Personalausweis verloren, nur weil ich mir Sorgen machte, ihn zu verlieren. Und ich beschreibe, wie es mir gelungen ist, dieses Jammertal zu verlassen. Ich weiß also, wovon ich rede – nicht nur aus 25 Jahren Erfahrung als Berater, sondern auch aus meinem eigenen Leben. Alle Tipps, die ich weitergebe, habe ich selbst angewendet.

Welches Ziel kann der Leser mit Ihrem Buch erreichen?

Ganz einfach: Sie werden Ihre Sorgen haben – aber die Sorgen werden nicht mehr Sie haben. Das ist ein großer Unterschied, ob jemand von seinen Sorgen diktiert wird – oder ob er jedes Mal entscheidet: Lass ich diese Sorge in meinen Kopf rein? Glaube ich ihr wirklich? Oder beschließe ich, die Sorge abzuweisen. Es kann Sie sehr erleichtern, wenn Sie die Herrschaft im eigenen Kopf zurückgewinnen.

Sie beschreiben Sorgen, Grübeln und Ängste als wertvolle Begleiter – wie passt das zu dem Leid, das sie oft verursachen?

Das ist wie bei einem Leibwächter: Er macht nur dann einen guten Job, wenn er viele potenzielle Angreifer sieht – auch wenn es gar keine sind. Sorgen und Ängste meinen es gut mit uns, sie wollen uns warnen. In meinem Buch zeige ich, wie wir mit ihnen ins Gespräch kommen. Das Paradoxe ist: Sobald wir Sorgen nicht mehr wegdrängen, verlieren sie ihre Macht oder verschwinden sogar von allein.

Ab wann werden negative Gedankenspiralen zum Problem?

Es ist wie bei einem Kinofilm mit einem Fleck auf der Leinwand: Natürlich dürfen Sie den Fleck wahrnehmen. Aber wenn Sie den Film verpassen, weil Sie nur noch den Fleck anstarren, dann haben Sie ein Problem. So ergeht es Menschen, die eigentlich ein gutes Leben haben – sich aber nur auf das Negative und mögliche Gefahren konzentrieren. Viele Übungen meines Buches lenken den Blick aufs Schöne, das jeder in seinem Leben hat – aber viel zu oft übersieht.

Sie verweisen auf viele Ideen der Stoiker und der Positiven Psychologie. Was macht diese Lehren so wertvoll für den Umgang mit Sorgen?

Was würden Sie tun, wenn ein Schiff mit Ihrem ganzen Hab und Gut untergeht? Zenon, der erste Stoiker, sah darin ein Geschenk: Nun konnte er einen Neuanfang wagen – als Philosoph. Heutzutage denken wir oft, alles im Leben bestimmen zu können, sogar wie andere über uns denken. Daraus entstehen Sorgen. Wahr ist: Es gibt nur ein einziges Königreich, über das wir wirklich regieren: unsere Gedanken. Wer das erkennt, kann viel gelassener leben.

Ihr Buch hat sowohl eine persönliche als auch eine gesellschaftliche Dimension. Können Sie das kurz erläutern?

Schauen Sie in die Medien: Berichtet wird vor allem über Kriege, Katastrophen und Skandale. Der Sorgentreibstoff fließt von dort in unsere Köpfe. Darum empfehle ich ein Gegengewicht. Wenn Ihnen Kriegsberichte Sorgen machen, recherchieren Sie, wer sich für Frieden einsetzt. Wenn Sie von einem Verbrechen lesen, suchen Sie auch nach Geschichten von Mut und Menschlichkeit. Wir können unsere Aufmerksamkeit bewusst ausrichten. Ein gesunder Ausgleich hilft.

Welche Coaching-Übung würden Sie besonders empfehlen?

Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihre größten Sorgen an einen Lügendetektor anschließen. Sind Sie in Sorge, zu verarmen, verlassen zu werden, durch eine Prüfung zu fallen oder mit einem Flugzeug abzustürzen? Dann recherchieren Sie, wie wahrscheinlich das wirklich ist. In vielen Fällen wird der „Detektor“ zeigen: Ihre Sorge ist übertrieben. Das hilft, gelassener zu bleiben.

Und wie kann ich mein Glück „herbeipiepsen“, wenn ich doch einmal im Sorgental feststecke?

Das ist eine tolle Methode, die ich oft in Coachings anwende, die „submodale Veränderung“: Sprechen Sie Ihren Sorgensatz mit der Stimme eines Mäuschens, zum Beispiel: „Die Leute mögen mich einfach nicht!“ Wiederholen Sie das eine Minute lang. Der Inhalt wird Ihnen plötzlich fremd und lächerlich vorkommen – und verliert seine emotionale Wucht.

Auch ein Karriere- und Lebens-Coach kommt mal ins Grübeln. Wie gehen Sie selbst mit Ihren eigenen Sorgen um?

Ich begrüße meine Sorgen, ich sage: „Hallo, mein lieber Schwarzseher, schön, dass du mich wieder besuchst. Wovor willst du mich diesmal warnen?“ So gewinne ich Distanz zu meinem Gedanken und kann mich rational mit ihm auseinandersetzen. Diese „Defusion“, wie man es in der Psychologie nennt, macht mir bewusst: Ich bin nicht mein Gedanke. Ich kann jedes Mal selbst entscheiden, ob ich ihn glauben will oder nicht.

Gibt es auch ein Rezept, das in wenigen Sekunden gegen Sorgen hilft?

Und ob! Drehen Sie Ihren Lieblingssong laut auf und tanzen Sie durch den Raum. Dann fluten so viele Glückshormone Ihr Gehirn, dass für Sorgen kein Platz mehr bleibt. Viele Menschen tanzen nur, wenn sie unbeschwert sind, aber es geht auch umgekehrt: Wer beschwert tanzt, wird dadurch unbeschwerter. Mein Buch verrät viele solcher Kniffe, die sofort funktionieren.

Danke für Ihre Zeit, Martin Wehrle :)