Roland Paulsen
© Johanna Hanno
Roland Paulsen: Die große Angst. Warum wir uns mehr Sorgen machen als je eine Gesellschaft zuvor
Ab 24. Mai 2021 bei mosaik
"Das zeitlose Gefühl reiner Lebensintensität ist nur noch ein schwacher Schimmer des zukunftsbefreiten Daseins, das einst das menschliche Leben prägte.“ Roland Paulsen
Am 24. Mai veröffentlicht der vielfach ausgezeichnete schwedische Soziologe Roland Paulsen bei mosaik sein neues Buch Die große Angst. Warum wir uns mehr Sorgen machen als je eine Gesellschaft zuvor und stellt damit die Fragen unserer Zeit: Warum fühlen wir uns heute nachweislich schlechter als noch vor wenigen Jahrzehnten, obwohl wir besser leben als je eine Gesellschaft zuvor? Was macht unser Leben heute komplizierter? Und warum sind Angststörungen und Depressionen auf dem Höchststand? Die Frage Was, wenn... (so auch der schwedischen Buchtitel: "Tänk om") ist dabei zu unserem täglichen Begleiter geworden: Was, wenn wir zu wenig gegen die Covid-19-Pandemie unternehmen? Was, wenn die Corona-Maßnahmen eine Depression verursachen? Was, wenn ich den Herd angelassen habe und das Haus mit allen Bewohnern niederbrennt? Was, wenn ich den falschen Partner ausgewählt habe? etc...
Durch die Frage Was, wenn...? berechnet der menschliche Verstand die Risiken, die uns im Alltag begleiten. Er stellt sich Dinge vor, die passieren könnten, wägt ab und lotet den idealen Weg für uns aus. Die schiere Menge an Möglichkeiten, die uns in jedem Lebensbereich offen steht, erhöht allerdings die Wahrscheinlichkeit von Fehlentscheidungen und damit die Angst davor. Überinformation – befeuert durch die Digitalisierung und den damit einhergehenden unbegrenzten Zugang zum globalen Wissen – führt nicht zu Beruhigung, sondern zu Verunsicherung und Gedankenspiralen: Was, wenn ...? Roland Paulsen zeigt, dass die Vermeidung jeglicher Risiken und die moderne Unfähigkeit, Unsicherheiten auszuhalten, zu einem kollektiven Angstgefühl geführt haben.
"Vom Refugium Arbeitsplatz aus erscheint die Welt chaotisch und unbegreiflich. Jenseits der klimatisierten Räume des Büros droht das Scheitern. Mit dem Risiko zu leben, es als eine historische Größe unserer Existenz zu akzeptieren, wäre eine Möglichkeit. Aber die Arbeit hat uns davon entwöhnt. Da ist es doch besser, jedes Risiko zu bekämpfen, sobald es auftaucht. (...) Aber genau wie die unglücklichste Ehe funktionieren kann, weil sie eine feste Größe ist, vermittelt selbst die sinnloseste Tätigkeit Sicherheit. (…) Ist man einmal im Trott, wird jede Sorge überflüssig. Die Regeln sind klar, man muss nur zwei Dinge im Blick behalten: so viel arbeiten wie möglich und etwas finden, das man kaufen kann." Roland Paulsen
Die große Angst ist ein Porträt unseres "Zeitalters der Angst", eine Anthropologie des menschlichen Leidens – unterfüttert mit sehr persönlichen Interviews mit Angst-Patienten, Neurotikern oder einfach "nur" einsamen Menschen. Paulsen trägt dazu bei, dass wir die Welt und uns selbst besser verstehen – und vielleicht etwas weniger unsicher und besorgt auf unser Leben blicken. Denn Was, wenn ...? ist ein wunderbares Denk-Werkzeug, das uns bis auf den Mond gebracht oder die Welt der Elementarteilchen erschlossen hat. Vielleicht müssen wir nur wieder lernen, es auch im privaten Alltag richtig anzuwenden.
"In den letzten vier Jahren habe ich mich intensiv mit Statistiken befasst und mit fast 100 Menschen über ihre Probleme gesprochen. In meinem Buch schreibe ich über Patrik, der so in seinen eigenen Gedanken versunken ist, dass er aufgehört hat, seine Frau und seine Kinder zu bemerken. Über Samira, die nach ihrer Scheidung über 40 Ayahuasca-Reisen unternahm und Gott begegnete. Über Helena, die sich innerhalb eines Jahres medizinischen Untersuchungen für vier verschiedene Krebsarten unterzog, ohne sich jemals unwohl zu fühlen. Und Daniel, der mehrere Jahre mit obsessiven Gedanken lebte, war überzeugt, dass er tief im Inneren ein Pädophiler war. Zusammen bilden sie einen Teil einer historischen Entwicklung, die in die falsche Richtung geht – aber jederzeit ihren Kurs ändern könnte." Roland Paulsen
Dr. Roland Paulsen (*1981) ist außerordentlicher Professor für Soziologie an der Universität Lund und vielfach ausgezeichneter Autor. Er ist Fellow des Stockholm Centre for Organizational Research und schreibt außerdem für die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter. Auch in Publikationen wie "The Economist", "The Wall Street Journal", "BBC Radio 4", "Le Monde", "El País", "Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit" und "Libération" hat Paulsen bereits veröffentlicht. Paulsens Forschung konzentriert sich auf die Soziologie der Arbeit und Medizin, die Kulturwissenschaften sowie die Bedeutung und Bedeutungslosigkeit von Arbeit. Sein Buch "Vi bara lyder" ("Wir tun, was uns gesagt wird") über die Arbeitslosigkeit in Schweden leitete eine nationale Debatte ein über das bedingungslose Grundeinkommen, kürzere Arbeitszeiten und gesellschaftliche Arbeitsethik. Roland Paulsen lebt in Stockholm. rolandpaulsen.org